Kategorie: Presse und Medien – Auswahl interessanter Beiträge

Presse und Medien (besonders lesenswert)

Neben den wissenschaftlichen Fachpublikationen empfehle ich zur Informationsbeschaffung nicht die vermeintlich „Sozialen“ (es sind nur) digitale Medien, sondern ausschließlich die fachlich geprüften Portale von Fach- und Wissenschaftsverbänden (hierzu siehe → hier) und im Übrigen die Lektüre von Qualitätsmedien des seriös arbeitenden Journalismus, wie z.B.

Die nachfolgenden (regelmäßig aktualisierten) Links (in chronologischer Reihenfolge) verweisen auf einige im Jahr 2026 [Stand 14.03.2026] besonders interessante Beiträge und Diskussionen zu Gesellschaft, Politik und Recht sowie weitere Themenfelder  (zu den Beiträgen in → 2025  und → 2024). Herausragende Erkenntnisse, Wissen, Perspektiven und andere Gedankensplitter aus diesen Publikationen finden Sie → hier:

Politik & Gesellschaft

  • Über Rechtsstaatlichkeit, Kunstfreiheit und Gesinnungsschnüffelei. Bitte nicht nachmachen: Ronen Steinke in SZ 13.03.2026: Mal öfter den Verfassungsschutz befragen, bevor man Staatsgelder verteilt? Aber dann darüber schweigen? Einige Minister wollen das tun. Doch das ist bedenklich. Wer nicht weiß, dass er auf einer roten Liste steht, kann sich dagegen auch nicht wehren. Hierzu auch
  • Freiheit finden wir doch alle dufte. Über linke Buchhandlungen, rechten Kulturkampf und den liberalen Mainstream. Maximilian Steinbeis auf Verfassungsblog 13.03.2026
  • Demokratie und Gernationengerechtigkeit: Unter diesen Schulden werden noch Generationen leiden – so wie unter fehlendem Klimaschutz. Frauke Brosius-Gersdorf in der SZ 27.06.2026Vor fünf Jahren traf das Bundesverfassungsgericht seinen berühmten Beschluss zum Klimaschutz. Daraus lernen heißt: auch finanzielle Lasten gerecht zwischen den Generationen zu verteilen. „Wenn künftige Generationen und Gesetzgeber nicht mehr vergleichbare Handlungsspielräume haben wie heutige, kann die Demokratie Schaden nehmen.“
  • EU-Souveränität und USA: „Wo ist unsere Würde? Wo ist unser Selbstbewusstsein?“ Trump und die Tech-Konzerne wollen die Demokratie abschaffen, warnt die Stanford-Forscherin und frühere niederländische EU-Abgeordnete Marietje Schaake und fordert, dass europäische Politiker mehr Widerstand leisten. Interview in SZ 17.02.2026: „Wir leben in unglaublich dunklen Zeiten, und ich mache mir große Sorgen. Ich finde es enttäuschend, dass wir von unseren Politikern in Europa nicht mehr Widerstand erleben. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat sich für den Weg der sehr, sehr, sehr soften Diplomatie entschieden. Aber das funktioniert nicht mit Tyrannen. Wo ist unsere Würde? Wo ist unser Selbstbewusstsein? …  Wir brauchen mehr Führungsstärke. Für mich sind die Ukrainer eine Inspiration. Sie haben es geschafft, mitten im Krieg eine Spitzen-Drohnenindustrie aufzubauen. Wenn die Ukrainer so etwas Außergewöhnliches schaffen, können wir Europäer das auch. „
  • Gesellschaftliche Handlungsoptionen im Hinblick auf den Klimawandel: Wir rasen auf ein ökologisches Desaster zu, die Klimakrise sei aber noch aufzuhalten, wenn wir als Gesellschaft die weitverbreitete (gesellschaftliche wie individuelle) Agrasia (Handeln wider besseres Wissens) überwinden und zeitnah entschieden handeln. Es seien weniger die bedenklichen Einstellungen der Menschen, die zu einem umweltschädlichen Verhalten führen, vielmehr orientierten diese sich nach ihren Handlungsmöglichkeiten. Kreierten die Gesellschaft bzw. die verantwortliche Politik und Entscheidungsträger  hinreichend zugängliche, klimafreundliche Handlungsoptionen, so wären die Bürger:innen durchaus in ihrer großen Mehrzahl bereit, diese zu nutzen. Insoweit sei wichtig zu wissen, dass die Wirkungsmöglichkeiten individuellen Verhaltens gerade im Hinblick auf den Klimaschutz – anders als die „Idee“ des von der Mineralöl-Industrie erfundenen persönlichen CO2-Abdrucks suggeriert  – wenig wirksam seien, jedenfalls sei es empirisch nachweisbar, dass strukturelle Veränderungen im Hinblick auf den Klimaschutz deutlich effektiver sind als individuelle Handlungsoptionen der Bürger:innen. Allerdings seien die bisherigen Anreize zu einer veränderten Energiegewinnung und Marktmechanismen (wie der CO2-Preis) gescheitert, formuliert der Soziologe Sighard Neckel, weshalb er in seinem Buch „Katastrophenzeit“ – Die Gesellschaft im Klimawandel und die Fallstricke der Transformation“ neue Ansätze aufzeigen wolle. So sei eine Dezentralisierung der Energiegewinnung unbedingt notwendig, wobei auch deren Vergesellschaftung in Betracht gezogen werden sollte. Interview mit Sighard Neckel in Deutschlandfunk Kultur v. 14.02.2026.
  • Rote Linien ziehen. Mit wem man in der Demokratie zusammenarbeiten wollen darf. Maximilian Steinbeis im Verfassungsblog v.13.02.2026: „Ein Kriterium lässt sich gewinnen, wenn man Demokratie als Verfahren begreift: als Prozeduralisierung von Interessen- und Meinungskonflikten, um unter Vielfältigen zu kollektiv verbindlichen Entscheidungen kommen zu können. Dazu gehören rechtsförmige Verfahren, Regierungs-, Verwaltungs-, Gesetzgebungs- und Gerichtsverfahren, aber auch der öffentliche Diskurs, die Meinungsbildung in der Gesellschaft. An seinem Anfang muss offen sein, wie es am Ende ausgeht. Deswegen Verfahren. … Die rote Linie verläuft dort, wo sich ein Teilnehmer am Verfahren in seiner Teilnahme am Verfahren zur Funktion des Verfahrens in Widerspruch setzt. Wer seine Teilnahme am Verfahren dazu missbraucht, das Verfahren ad absurdum zu führen und den funktionalen Zweck des Verfahrens zu durchkreuzen, disqualifiziert sich dadurch für die Teilnahme am Verfahren.“
  • Gerechtigkeit – Kann es im Nahen Osten Gerechtigkeit geben? Israelis und Palästinenser haben einander viel angetan. Aber aus der Erfahrung zugefügten Leids folgt noch kein Weg zu einem gerechten Frieden. Ein Essay von Bernhard Schlink in der SZ 10.02.2026: → Zitate und Auszüge.
  • Verbraucherboykott. Wie kann man die Superbonzen, die die Demokratie an Donald Trump verkaufen, in ihrer Schmerzzone treffen? Indem man woanders kauft, ihnen also ans „Diridari“ (in der bairischen Mundart „Zahlungsmittel“ jeglicher Art) geht. Kolumne von Hans Well in der SZ 06.02.2026: Mit dem Boykott rechter Milliardäre würden wir unsre Demokratie verteidigen. Während Reiche weltweit immer reicher werden, nimmt Armut zu. Superbonzen sind auch Super-CO₂-Emittenten. Bekanntlich wollen Musk und Co. sich, wenn das Klima kollabiert, Richtung Mars absetzen. Auf geht’s! Bitte Höcke und Nius-Chef Reichelt mitnehmen! Bis dahin boykottiere ich die Bagage. Wie blöd Bezos, Zuckerberg, Musk, Thiel, Döpfner und ihr King Kong wohl schauen werden, wenn wir Europäer uns wehren, statt unsere Werte vernichten zu lassen.
  • Die in den USA ausgetragenen WM-Spiele müssen boykottiert werden (nicht die Partien in Kanada oder Mexiko). Dies wäre eine Sprache, die Donald Trump versteht: Sein ganzes Leben lang hat er Leute so lange schikaniert, bis er auf nachhaltigen Widerstand stieß. Ein Appell aus Minneapolis. Gastkommentar von Eric Schwartz in der SZ
  • Diskussionskultur in Deutschland. Uwe Ritzer in der SZ 03.02.2026 → Zitate und Auszüge
  • Yes, It’s Fascism. Until recently, I thought it a term best avoided. But now, the resemblances are too many and too strong to deny. An Essay by Jonathan Rauch, First published in The Atlantic on January 25, 2026 (abrufbar über SZ v. 29.01.2026): „In which case, is there any point in calling Trump a fascist, even if true? Doesn’t that alienate his voters? Wouldn’t it be better just to describe his actions without labeling him controversially? Until recently, I thought so. No longer. The resemblances are too many and too strong to deny. Americans who support liberal democracy need to recognize what we’re dealing with in order to cope with it, and to recognize something, one must name it. Trump has revealed himself, and we must name what we see.“
  • Antisemitismus – Eure Gleichgültigkeit ist unser Tod. Antisemitismus lebt nicht nur von Hass, sondern immer auch von Wegsehen, von Schweigen und dem Wunsch, sich nicht positionieren zu müssen. Gastbeitrag von Martin Moszkowicz in der SZ v. 26.01.2026 → Zitate und Auszüge
  • Engagement und Haltung. Was tun angesichts der Weltlage? Wer schweigt, ist Täter. Nils Minkmar in der SZ v. 25.01.2026 Zitate und Auszüge
  • Aus Amerika wird keine Rettung mehr kommen. Von dort kommt die Gefahr. Wir müssen uns endlich gegen die USA wehren können. Jetzt.“ Grönland-Sturm befriedet, Nato gerettet, alles wieder okay? Von wegen. Donald Trump will die Zerschlagung der EU. Der Freund ist jetzt Feind. Europa muss es ab sofort alleine schaffen. Bloß wie? Hubert Wetzel in der SZ v. 23. 01.2026: „Amerika ist vom Freund zum Gegner geworden. Trump und seine Leute zeigen nicht nur Desinteresse gegenüber Europa, sondern offene Feindschaft. Das könne Europa nicht begreifen, weder emotional noch konzeptionell. Der Albtraum sei früher immer das Wegdriften der USA in den Isolationismus gewesen – dass die Amerikaner sich abwenden und Europa im Stich lassen. „Aber es ist viel schlimmer“, sagt Luuk van Middelaar (der 52 Jahre alte Niederländer ist Historiker und Philosoph, er hat bei der EU gearbeitet, lehrt an verschiedenen Universitäten und leitet zudem das Brussels Institute for Geopolitics), „Sie fallen über uns her.“ Middelaars Blick in die Zukunft schließlich ist noch beängstigender. Grönland, Strafzölle, Social-Media-Gesetze, all die aktuellen politischen Streitthemen zwischen Amerika und Europa kommen darin gar nicht vor. Stattdessen zeichnet Middelaar auf ein Notizblatt eine Linie, entlang der er Jahreszahlen markiert. „Trump will uns nicht nur von hier nach dort bringen“, sagt er und malt einen Pfeil von 2026 nach 1945, zurück in die Zeit also, als Amerika noch keine Verantwortung für Europa übernommen hatte. „Sondern Trump will dorthin“, erklärt Middelaar, während er von 2026 aus einen zweiten Pfeil zeichnet, der irgendwo hinter der Marke 1900 endet. „Trump will zurück zur Großmachtpolitik des 19. Jahrhunderts“, allerdings gepaart mit dem aggressiven, digital aufgeputschten Kulturkampf des 21. Jahrhunderts. … Für Europa ist das wie der Blick in einen tiefen, schwarzen Abgrund. Die Einigung Europas war eine Reaktion auf zwei Weltkriege, fast schon eine Verzweiflungstat nach all dem Töten und Sterben. Krieg zwischen den Europäern sollte unmöglich gemacht werden – indem man erst einmal gemeinsam Stahl kochte und Kohle förderte, danach dann Tausende Verflechtungen und Abhängigkeiten schuf, kleine und große, wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche. Vor allem aber, indem man das mächtigste Triebmittel für die europäischen Kriege zu neutralisieren versuchte, den Nationalismus.  … „Le nationalisme, c’est la guerre“, hat der frühere französische Präsident François Mitterrand einmal gesagt: Nationalismus bedeutet Krieg. Mitterrand wusste, wovon er sprach. ….  Doch es gibt schon Leute, auch in Brüssel, auch in sehr wichtigen Ämtern, die sich keinerlei Illusionen mehr darüber machen, was Trump für die EU bedeutet und wie ernst es ist. Sie akzeptieren die Realität und sagen: Uns stehen nicht mehr nur Russland und China als Feinde gegenüber. Jetzt wollen auch die USA die Europäische Union zerstören. Amerika ist nicht mehr unser Freund, diese US-Regierung teilt nicht mehr unsere Werte und Interessen. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir uns gegen Amerika wehren können. Es ist Zeit, dass alle das einsehen. Jetzt. Aus Amerika wird keine Rettung mehr kommen. Von dort kommt die Gefahr.“
  • Europa – Herzlichen Dank für die Grönland-Show, Mister President! Josef Kelnberger in der SZ v. 23.01.2026: So viel Interesse an der Europäischen Union gab es in Deutschland schon lange nicht mehr. Das ist eine Chance, dass sich endlich einiges zum Besseren wendet. … Mag man den US-Präsidenten auch für einen irrlichternden Narzissten halten, so verfolgt er mit seinem Beraterteam doch eine klare Strategie: Er will die EU spalten und als Bund freiheitlicher Staaten zerstören. Darin unterscheidet er sich kaum vom Russen Wladimir Putin und vom Chinesen Xi Jinping. Nach dem Grönland-Schock wird nun erfreulicherweise allseits debattiert, was die EU „tun muss“, um überleben zu können. Die Wahrheit aber ist: Man weiß das längst. Die Europäische Union sollte eine gemeinsame Rüstungsindustrie und eine gemeinsame Armee aufbauen, um sich selbst verteidigen zu können. Ihre Wirtschaft braucht wieder Schwung und Schutz vor zerstörerischer Konkurrenz. Dazu fehlt eine gemeinsame Energiepolitik, Unabhängigkeit von den amerikanischen Tech-Giganten, neue Handelspartner. Es handelt sich um epochale Herausforderungen, alle sind bekannt. Sie wurden bloß lange Zeit nicht angepackt. Und das liegt nicht unbedingt an Dummheit oder bösem Willen. Die EU besteht aus 27 Staaten. Ihre Regierungen vertreten legitimerweise zuvorderst die Interessen ihres jeweiligen Landes. Eine Politik, die sich am gemeinsamen europäischen Interesse orientiert, ist nirgendwo sonderlich populär. Das zeigte sich während dieser Grönland-Woche exemplarisch im Europaparlament, ausgerechnet an jenem Ort also, wo man eigentlich den europäischen Gemeinsinn in Reinform vermuten würde. Das Signal, das von dieser Abstimmung ausging, war verheerend: Europa, alleingelassen von den USA, bekämpft von Russland und China, sucht zwar neue Freunde in der Welt – aber nicht wirklich dringend. Erst einmal ist jedes Land sich selbst das nächste.
  • Proteste gegen die Islamische Republik. Verschleiern all die Tränen, die wir vergießen, unseren Blick? Nava Ebrahimi in der SZ v. 22.01.2026: „Dieses Video löste nicht die gewohnte Instagram-Traurigkeit in mir aus, sondern eine tiefer liegende. Weil Iranerinnen und Iraner offenbar jeglichen Glauben an die EU und ihre Werte verloren haben. Aber noch mehr, weil sie derart verzweifelt sind, dass manche in jemandem wie dem US-Präsidenten, einem offenen Rassisten, ihre letzte Rettung sehen. Die allermeisten wissen, schätze ich, dass er sich nicht wirklich um ihr Wohlergehen sorgt, dass Menschen für ihn nur Verfügungsmasse sind, und dass er das mit den iranischen Machthabern teilt. Aber die, die sich dennoch an ihn wenden, verlangen nicht mehr viel – nur, nicht zu sterben wie die Fliegen.
  • Die Macht der Ultrareichen ist eine Gefahr für die Demokratie. Deshalb muss sie beschränkt werden. Kommentar von Lea Hampel in der SZ v. 19.01.2026
  • Entscheidet euch ! In diesem Wahljahr steht für Deutschland viel auf dem Spiel. Der Journalist Hermann Vinke, der seit Jahrzehnten in Sachbüchern für junge Leute die NS-Vergangenheit erklärt, ruft jetzt in in einer mitreißenden Streitschrift auf: „Entscheidet Euch!“ (Rezension in SZ v. 19.01.2026): „Vereinfacht gesagt, geht es darum“, schreibt er, „ob unsere freiheitliche Ordnung, die auf Regeln, Gesetzen und dem Grundgesetz beruht, in Zukunft noch Bestand haben wird.“ Die „stille Mitte“ der AfD-Wähler, die keine Rechtsextremisten sind, wäre zurückzugewinnen. Wenn nur in einem Bundesland die AfD so viele Stimmen bekommt, dass die in Teilen rechtsextreme Partei die Regierung stellen kann, „gerät unser Land auf eine schiefe Ebene.“ Was das heißt, führt Vinke in aller Deutlichkeit aus: Wer die AfD wählt, wählt die Demokratie ab. Der setzt Vielfalt, Erinnerungskultur, politische Bildung, Meinungsfreiheit, den Sozialstaat, die Freiheit aufs Spiel. Aber wir müssen nicht tatenlos zusehen. Was menschengemacht ist, können Menschen ändern.
  • Kinder- ( und Jugend -)Hirne im Dauerstress (SZ v. 19.01.2026) Das Gebrüll der Populisten und jener, die es werden wollen, macht junge Menschen krank, legt eine Studie nahe. Wem das egal ist: Die Zukunftsfähigkeit des Landes dürfte es auch weiter schwächen.
  • Gesellschaftliche Polarisierung: „Adorno hätten Sie problemlos als ‚Querdenker‘ ansprechen können“ Der Philosoph Ralf Konersmann findet, unserer Gesellschaft ist ein guter Umgang mit Außenseitern abhandengekommen. Er wünscht sich mehr echte Vielfalt und Verrücktheit (SZ v. 04.01.2026): „Es ist durchaus bedenklich, dass das Auseinanderdriften von Wissenschaft und Öffentlichkeit ein Feld eröffnet, auf dem sich Problematisches und Unseriöses breitmacht. Dennoch kann, wie ich meine, die Tatsache, dass das Internet dem Irrsinn großzügig Raum bietet, kein Argument gegen die Freiheit des Geistes sein. Und hier sehe ich die Funktion des Außenseiters – dessen also, der seinen eigenen Kopf gebraucht, seiner Erfahrung traut und den Mut zum ungenormten Urteil findet.
  • Zukunft gibt es nur mit Sicherheit. Gastbeitrag von Wilhelm Schmid in der SZ v. 11.01.2026: Wenn der Kampf gegen einen Aggressor den Alltag dominiert, kann man sich schwer für Umweltschutz und Gerechtigkeit einsetzen. Die Zeit ist reif, unser Verständnis von Nachhaltigkeit zu erweitern.

Öffentliches Recht – Verfassungsrecht – Völkerrecht

  • Völkerrecht in der Krise – und als Krise. Vom Zerfall des Rechts und dem Kampf um Transformation. Balakrishnan Rajagopal auf Verfassungblog v. 23.01.2026
  • Recht bleibt auch dann Recht, wenn ein Mächtiger sich nicht darum schert. Heribert Prantl in der SZ v. 08.01.2026: In den Stadien echter oder vermeintlicher Ohnmacht brauchen internationale Normen und das Völkerrecht Kräfte, die daran festhalten, die sie weiterentwickeln und ihnen beim Überwintern helfen.

Strafrecht & Kriminologie

  • Straffällige“, sich abweichend verhaltende Kinder brauchen Hilfe, keinen ProzessDie Union diskutiert die Idee, zwölf- und dreizehnjährige Straftäter vor Gericht zu stellen, die Schwelle zur Strafmündigkeit abzusenken. Sinnvoller wäre es, eine ganz andere Institution zu stärken. SZ v. 12.01.2026 (hierzu siehe → „Vernunft in der Kriminalpolitik“ )

Sozial- und Erziehungswissenschaft – Soziale Arbeit – Kinder- und Jugendhilfe – Kinder- und Jugendschutz

  • Psychische Belastungen bei jungen Menschen: Viele Jugendliche fühlen sich im Stich gelassen. Knapp die Hälfte der 14- bis 20-Jährigen in Deutschland klagt über Einsamkeit, zeigt eine Studie. Viele wünschen sich mehr Beistand durch die Schule, erleben dort aber das Gegenteil: Stress und Leistungsdruck (SZ v. 25.02.2026)
  • „Wir haben mehr Depressionen, mehr Ängste, mehr Traurigkeit, mehr Hoffnungs­losig­keit“. Martin Holtmann, Leiter der LWL-Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hamm, sieht eine Gesundheitskrise bei jungen Menschen. (SZ v. 19.01.2026)
  • Jugendliche und soziale Medien: Gefühlte Glaubwürdigkeit. Eine neue Studie untersucht die Geschlechterbilder und Werte von Jugendlichen. Die Ergebnisse unterstützen alle, die den Zugang von Kindern zu sozialen Medien beschränken wollen. SZ v. 17.02.2026

Datenschutz, IT, KI und Digitale Medien

  • (Der Hype um die) KI-Agenten sind gefährlichHelmut Martin-Jung in der SZ v. 17.02.2026: Die digitalen Assistenten sollen Menschen das Leben leichter machen. Aber sie verbrauchen Unmengen an Energie, sind ein Sicherheitsrisiko – und eine Bedrohung für die menschliche Intelligenz. … KI-Agenten können höchst gefährlich sein. … [insb. wenn man ] ihnen weitgehenden oder sogar vollen Zugriff [gewährt]. Dann ist die Gefahr groß, dass es zu schweren Schäden kommt. Was etwa, wenn der Agent die Kreditkartendaten auf einer Fake-Seite eingibt? Wenn durch einen Konfigurationsfehler andere Zugriff haben und Falschnachrichten verbreiten – die Liste ließe sich beliebig erweitern. …  … Man muss nur genau wissen, worauf man sich dabei einlässt, und ihnen klare Grenzen setzen. Menschen nehmen ihre Umwelt nicht wie eine Maschine wahr, sondern interpretieren sie anhand ihrer Erfahrung. Wenn „etwas“ Texte verfasst wie ein Mensch, schreiben wir diesem Etwas menschliche Eigenschaften zu. Die hat KI aber nicht. Die großen Sprachmodelle wie Chat-GPT sind große Statistik-Maschinen, die lediglich nachahmen, was sie dank einer unfassbar großen Menge an Trainingsdaten an Mustern erkannt haben. Gemäß diesen Mustern können sie – erstaunlich gut mittlerweile – etwa Texte zusammenfassen. Aber sie machen Fehler. Das haftet ihnen an wie eine Erbsünde. Bei logischen Schlüssen geraten sie zudem schnell an ihre Grenzen.
  • KI-Schwärme könnten Demokratie gefährden.  Zahlreiche KI-Agenten könnten wie echte Menschen auftreten und als Schwarm die Illusion einer Mehrheitsmeinung auslösen. Tagesschau v. 17.02.2026
  • KI – die Geister, die wir riefen Helmut Martin-Jung in der SZ v. 03.02.2026: Künstliche Intelligenz ergreift mehr und mehr Besitz von unserem Leben. Sie bringt aber nicht nur viele Chancen mit sich, sondern auch erhebliche Risiken. Der AI Safety Report versucht eine Gesamtschau. (… und hier geht es zum → International AI Safety Report)
  • KI-Sprachmodelle können nur ,Bullshit‘ produzieren“. Seit mehr als 40 Jahren kämpft Richard Stallman für freie Software und gegen Programme, die ihre Nutzer kontrollieren. Er spricht über Spionage durch Apps, seine Abneigung gegen Cloud-Dienste und darüber, warum er sich nicht als einsamer Rufer in der Wüste sieht. Interview in der SZ v. 21.01.2026

Energie-, Klima-, Natur- und Umweltpolitik und Wissenschaft

  • IPBES-Bericht: Biodiversität als wirtschaftliche Notwendigkeit. Der Verlust an Biodiversität ist eine der größten Bedrohungen für Wirtschaft und Gesellschaft. SZ v. 9.2.2026 und Deutschlandfunk Kultur v. 6.2.2026: Der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) fordert in seinem neuesten Bericht Business and Biodiversity“ einen grundlegenden Wandel der globalen Wirtschaft. Falsche Anreize und schädliche Subventionen führten in die Katastrophe. „Was profitabel für Unternehmen ist, führt oft zum Verlust von Biodiversität. Und was gut für Biodiversität und Gesellschaft ist, ist oft nicht profitabel,“ Der Rat weist mit mehr als 100 Vorschlägen einen Weg aus dieser Misere. „Es ist das erst Mal, dass jemand all die Zusammenhänge zwischen Biodiversität und der Wirtschaft durchleuchtet hat“, sagte Matt Jones aus Großbritannien, einer der drei Co-Vorsitzenden des Berichts, während der Präsentation am Montag in Manchester. Unternehmen und andere Akteure könnten „entweder den Weg zu einer nachhaltigeren Weltwirtschaft weisen oder letztendlich das Aussterben riskieren – sowohl von Arten in der Natur als auch möglicherweise ihr eigenes“. Zudem liefere der Bericht Methoden, wie verschiedene Unternehmen, vom globalen Konzern bis zum einzelnen Händler auf einem regionalen Markt, etwas verändern können. Denn, der „Verlust an Biodiversität ist eine der größten Bedrohungen für Wirtschaft und Gesellschaft.“
  • Stromerzeugung 2025 – Photovoltaik überholt erstmals Braunkohle: 2025 war ein Jahr der erneuerbaren Energien. Wie sich die Versorgung verändert hat und aus welchen Ländern Deutschland Strom importiert: ein Überblick mit Grafiken. SZ v. 05.01.2026

Streiflicht-Glossen der Süddeutschen Zeitung

  • Meinungsfreiheit (Streiflicht in der SZ v. 27.01.2026): Es dürfte schwer sein, im deutschsprachigen Raum eine Talkshow zu finden, in der Kubicki noch nicht mindestens drei Mal aufgetreten ist, um zu warnen, dass die Meinungsfreiheit in diesem Land in Gefahr sei. Der Umstand, dass niemals Gesinnungspolizisten in Balaklava-Masken kamen, ihn ergriffen und von der Bühne zerrten, ließ ihn an der eigenen Theorie nicht irrewerden. Kubicki sprach … als Mahner wider staatliche Zensur, auch wenn es diese nie gab. Am liebsten aber spricht [er] über den linken Mainstream, der in seinen Augen die Freiheit offenbar mehr bedroht als Trump, Musk, Putin und die AfD zusammen. Er selbst jedenfalls sieht als Beleg doktrinärer linker Meinungsmacht, dass „Linke und Grüne die AfD als Dauerfeind ausgemacht“ hätten…. Man könnte nun einwenden, dass die AfD aus Sicht der Demokratie schon selber konsequent dafür sorgt, als deren Feind wahrgenommen zu werden. … Der Kulturkampf fordert Freiheit mit dem Ziel, Freiheit zu beseitigen. Und er wird von beiden Seiten, von links wie rechts, mit einem Höchstmaß an Narretei ausgefochten, seine Hauptwaffe ist hier wie dort das Geschwätz. Doch die Meinungsfreiheit in all ihrer erfreulichen Schönheit bleibt darüber erhaben: Sie erlaubt jedermann und auch …, jederzeit auf jedem Forum jede beliebige Menge an Geschwätz zu äußern – und erlaubt es genauso, gar nicht mehr hinzuhören.

 

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Gedankensplitter: Erkenntnisse, Wissen und Perspektiven der anderen

In Ergänzung zu der Sammlung von bemerkenswerten Beiträgen aus Fachpublikationen und Qualitätsmedien (→ 2026)(→ 2025)(→ 2024) werden einige dieser Publikationen hier auf dieser Seite ausschnittsweise bzw. hervorragende in ihnen formulierte Gedanken(splitter), Erkenntnisse, Wissensteile und Perspektiven (ggf. gekürzt) wiedergegeben, weil diese so beeindruckend klar formuliert sind, dass mensch es kaum besser ausdrücken könnte:

  • Antisemitismus: „Antisemitismus lebt nicht nur von Hass, sondern immer auch von Wegsehen, von Schweigen und dem Wunsch, sich nicht positionieren zu müssen. …Der gefährlichste Verbündete des Hasses ist nicht der Radikale, sondern der Gleichgültige. Gerade deshalb richtet sich Erinnerung nicht nur gegen Extremismus. Sie richtet sich an die Mitte der Gesellschaft. Sie fordert Haltung ein – nicht Empörung, sondern Verantwortungsbewusstsein. Nicht Worte, sondern Taten. Antisemitismus lebt vom Hass der Wenigen – und vom Schweigen der Vielen.“ (Martin Moszkowicz in der SZ v. 26.01.2026; → Presse und Medien)
  • Bürgerschaftliches Engagement und Haltung: „Was tun angesichts der Weltlage? Hilfe für die Ukraine, die mutigen Menschen in Iran? Geht uns alle an. Denn auch, wenn sich angesichts des Siegeszugs der Despoten derzeit viele machtlos fühlen: Europa hat viele Trümpfe in der Hand – konsequenter Konsumentenprotest etwa wirkt. …  Man muss sich das Schweigen der Täter nicht zu eigen machen, in einer offenen Gesellschaft darf man auch sagen, was noch nicht ist. Demokratie bedeutet nicht zu warten, bis die Meinungsforscher anrufen und fragen, was man am kommenden Sonntag tun würde, wenn Wahl ist. Die immensen Vorteile, die man als Bürger der Europäischen Union genießt, verpflichten auch zu einem bürgerlichen Engagement und dazu, schon mal darüber nachzudenken, wie man im Lichte eigener moralischer Werte sein Leben ändern kann.“ (Wer schweigt, ist Täter. Nils Minkmar in der SZ v. 25.01.2026; Presse und Medien)
  • Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Gefahr: Die sog. sozialen Medien „sind ein brutales Instrument des Kapitalismus. Algorithmen machen aus allem, was wir inhaltlich beschreiben können, eine kommerziell zugespitze Ware. Sie verkaufen uns, denn sie haben nichts dagegen, dass Mächte wie Russland, aber auch China, mit ihnen unsere Demokratien angreifen. Tiktok ist eine Plattform, die primär Propaganda und Lügen verbreitet. Sie lässt ihre Konsumenten manipulieren und verdummen.“ … „Dass wir Verantwortung tragen, jeder von uns, das haben wir verdrängt. Wir haben 20 bis 30 Jahre in einer Art Schlaraffenland gelebt, jedenfalls 80 Prozent der Bevölkerung. Und haben gedacht, es werde immer so weitergehen. Wir haben gedacht, wir könnten mit Geld auch Sicherheit kaufen. Heute lernen wir, dass wir weder diese endlose Zeit noch genug Geld haben werden.“ (Interview mit Michel Friedmann in der SZ v. 28.08.2025)
  • Diskussionskultur in Deutschland: „Dieses Land ist dabei, das Zuhören zu verlernen. Für Zwischentöne und Genauigkeiten, für die Nebensätze sozusagen, ist immer weniger Platz im politischen und gesellschaftlichen Diskurs. Dieses Land ist dabei, das Zuhören zu verlernen, das genaue Nachlesen, das unaufgeregte Nachdenken, die sachliche Auseinandersetzung, die durchaus kritisch, kontrovers und pointiert sein soll. Der Sturz Hillebrands ist ein Musterbeispiel für eine zum hysterischen Geplärre verkommene Empörungskultur bei X und Co., die jedes Maß verloren hat. Um den Jahreswechsel von Bild und anderen Boulevardmedien angestachelt, griffen die üblichen Reflexe der sozialen Netzwerke: Nicht informieren, nicht argumentieren, sondern draufhauen, sich auskotzen, Hauptsache abfällig und persönlich. Das verselbständigt sich schnell, und dann fühlen sich jene, die mitmachen, erst recht bestätigt. Als könnte Volkes Zorn Volkes Hirn ersetzen.“ (Uwe Ritzer in der SZ 03.02.2026)
  • Gerechtigkeit: „Nicht für jedes Problem, nicht für jeden Konflikt gibt es eine gerechte Lösung. Das klassische Beispiel ist die todbringende Lore, die auf einer Schiene einen Abhang hinunter und auf eine Weiche zurast, die sie auf ein Gleis leitet, auf dem mehrere Arbeiter beschäftigt sind. Das Verstellen der Weiche würde sie auf ein anderes Gleis leiten, auf dem nur ein Arbeiter beschäftigt ist. Soll, wer an der Weiche steht, sie verstellen? …. Dass die Forderung nach Gerechtigkeit keine Aussicht auf Erfüllung hat, muss nicht davon abhalten, sie zu erheben. Wir bewundern die Frauen und Männer, die in diktatorischen und totalitären Regimen das Unrecht anklagen und angreifen, auch wenn sie es nicht abwenden können und wissen, dass sie es nicht können. Beides kann stimmen: der Zuruf, nicht gegen die Wirklichkeit an einer Gerechtigkeitsforderung festzuhalten, die scheitern muss, und der andere Zuruf, vor der Wirklichkeit die Forderung nach Gerechtigkeit nicht aufzugeben, nur weil sie scheitern muss. Wie mächtig ist die Wirklichkeit, wie dauerhaft verspricht sie, die nicht ewig dauern wird, zu sein, wie aussichtslos ist die Forderung? Die beiden Zurufe können sogar gleichzeitig stimmen, weil das Leben in der Wirklichkeit weitergehen, weil aber auch die Gerechtigkeit weiterleben soll.“ (Bernhard Schlink in der SZ 10.02.2026 Presse und Medien).
  • Kulturkampf: Die populärste Antwort der konservativen und rechten Kulturkämpfer ist die, dass sie sich gerade eine Befreiungsgeschichte erzählen. Dass sie endlich die Normalität zurückerobern und sich wehren gegen die Meinungsübermacht derer, die ihnen vorschreiben wollen, wie sie sprechen, schreiben, leben sollen. „Woke Vorstellungen beanspruchen in vielen wichtigen Bereichen die Deutungshoheit über Richtig und Falsch: bei Migration und Integration, bei Geschlecht und Sexualität, bei Energie und Klima“ …. Kulturkämpfer immer die anderen.  Richtig daran ist, dass man in abgelegenen Universitätsseminaren, in Berliner Lokalen und in den Netzwerken X und Bluesky äußerst unduldsamen Zeitgenossen begegnen kann, Leuten, die ihren linken Kulturkampf mit aller Härte führen wollen. Richtig ist aber auch, dass die Gesetze, von denen sich nicht nur Rödder gegängelt fühlt, die Gesetze zum Beispiel zur Abschaltung von Verbrennungsmotoren und Atomkraftwerken, von parlamentarischen Mehrheiten verabschiedet worden sind. …. Der rechte Kulturkampf, die rechte Erzählung, die rechte Antwort auf die Frage, wer wir sind und wer wir sein wollen, laufen folglich auf das genaue Gegenteil hinaus. Wir sind deutsch, wir sind weiß, wir sind seit jeher hier zu Hause. Und wir wollen weiterhin unter uns bleiben. Diese Antworten sind verständlich und populär … Sie ist aber falsch, was jeder Besuch in einer Arztpraxis oder einem Altersheim zeigt, wo ohne Zugewanderte nichts mehr ginge. Wenn die Deutschen unter sich bleiben wollen, können sie den Laden gleich dichtmachen. Die rechten Kulturkämpfer stehen auf verlorenem Posten – was vermutlich die beste Begründung ist für ihre Wut und Unversöhnlichkeit. … Und dafür, dass die AfD den Kulturkampf zu ihrer wichtigsten Strategie gemacht hat. Sie hat ja sonst nichts zu bieten. Die großen, wichtigen Fragen, das lehrt nicht nur das Nachdenken übers Lebensrecht und die Menschenwürde der Ungeborenen, sind viel zu kompliziert, als dass sich im Modus des Kulturkampfs brauchbare Antworten finden ließen. Man muss da zuhören, abwägen, man braucht Arbeitshypothesen und keine starken Meinungen. Man sollte die Kulturkämpfe also verweigern. Je länger sie dauern, desto dümmer werden alle Kämpfer davon.“ (Essay von Claudius Seidl SZ v. 05.09.2025)
  • Rechtspopulismus: „Ein Erfolgsrezept des Rechtspopulismus ist es, demokratische Normen und Gesetze zu missachten – und dann das Opfer des Systems zu geben, wenn Staat, Justiz oder Medien auf diesen Normen bestehen. So funktioniert Trumps Maga-Welt, so funktioniert der Rassemblement National, so funktioniert die Propaganda der AfD. Umgekehrt sind Populisten und Demokratieverächter groß darin, wirkliche oder angebliche Verstöße von Demokraten zu unfassbaren Skandalen aufzublasen, um zu zeigen, wie verderbt und volksfern „die Eliten“ seien. …. Es ist eine Ungleichheit der Waffen, wenn die eine Seite streng nach Regeln kämpft und die andere auf diese Regeln pfeift. Das spricht nicht gegen die Regeln. Freie Rede, das Recht auf Kritik und eine wachsame Öffentlichkeit machen die Stärke der Demokratien aus. Aber es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit nicht auf dieses Spiel mit verschobenen Maßstäben hereinfällt.“ (Joachim Käppner in der SZ v. Presse und Medien
  • Wissenschaft und das Gebot der Wertfreiheit: „Wissenschaftler denken allzu oft, sie müssten politisch neutral sein. Aber das ist falsch. Je mehr man von einem Problem versteht, desto mehr sollte man sich positionieren.“ Dr. Christina Berndt in der SZ 19.06.2025 „Erst stirbt die Wissenschaft, dann die Vernunft und schließlich der Mensch.“

Vernunft und Anstand

Die Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein. Alles, was an Recht, Vernunft, Wissen, Toleranz und demokratischer Ordnung über Aufklärung und lange Zeit mühsam entwickelt und erschaffen wurde, wird von Despoten, Autokraten, Antidemokraten, Oligarchen und anderen wahnsinnigen Egomanen verachtet und zerstört. Aber auch im Inland agitieren rechte wie linke Populisten und wollen zurückdrehen, was in den letzten Jahren als zukunftssichernde Investitionen und gesellschaftspolitische Erfolge geschaffen wurde (z.B. Kohleausstieg und Energiewende, Reform des Staatsangehörigkeitsrechts, Selbstbestimmungsgesetz). Rassismus und Antisemitismus ist wieder salonfähig. Dummes Gerede, durch nicht belegte Meinungen und Emotionen, gefühlte Halbwahrheiten und „alternative Fakten“ (Lügen, kontrafaktische Behauptungen) scheinen auch im politisch-öffentlichen Diskurs wissenschaftsbasierte Fakten und rationale Argumentation hinfällig zu machen. Nicht nur die rechtsstaatlich-demokratischen Errungenschaften, die Europäische Friedensordnung und die sog. regelbasierte Ordnung des Völkerrechts sind in Gefahr, auch das gesellschaftliche Leben und Miteinander in Deutschland und Europa wird insb. durch rechts- wie linksextremistische Parteien und Bewegungen Stück für Stück zersetzt. Dummheit und Bosheit schämt sich nicht (mehr). Aufklärung, Vernunft und Rationalität ebenso wie Rücksichtnahme und Solidarität scheinen immer weniger Konjunktur zu haben. Diese Beobachtungen und das damit einhergehende (bedrohliche) Gefühl macht viele zornig, aber lässt mitunter auch einige verzweifeln. „Es ist so viel Unsinn in der Welt, man kann nicht alles löschen“ kommentiert Johan Schloemann in einem sehr lesenswerten Beitrag für die Süddeutsche Zeitung vom 21.01.2025 und fügt hierzu: Im Kampf gegen Niedertracht hilft vor allem: Anstand.

Alles, was an Recht, Vernunft, Wissen, Toleranz und demokratischer Ordnung mühsam aufgebaut wurde über lange Zeit, werde nun zusammengetreten. Das Gefühl macht kleinlaut, verzagt, es versetzt viele in Starre. … Man muss vielmehr aus dieser entrüsteten und defensiven Haltung herauskommen, andernfalls sind die kommenden Jahre nicht auszuhalten, weder mental noch politisch. Denn selbst unter vollem Einsatz der Faktenchecker-Truppen ist ja immer noch recht viel Unsinn in der Welt. Das kann man nicht alles löschen. Dem kann man sich nur entgegensetzen in ebenjenem anstrengenden, wirklich schützenswerten Raum der Meinungsfreiheit in offenen Gesellschaften, den man, so gut es denn geht, mit Zivilität, Kritik und Beherrschtheit füttern muss. … Das heißt: argumentieren, sich kundig machen. … Bei den Tatsachen bleiben, an die Kraft der Aufklärung im Kleinen glauben. Die politischen und ökonomischen Motive hinter den Parolen freilegen. Wachsam gegenüber Extremisten bleiben, aber nicht überall nur teuflische Verführung sehen, sondern um Pläne und Konzepte streiten. Nicht alle Probleme zur selben großen Krise erklären. Und den Mist zwischendurch ausschalten, um sich ihm gestärkt wieder stellen zu können. Niemandem ist der regelmäßige Rückzug ins Private zu verdenken, wenn jetzt wieder vier Jahre mit Trump im Weißen Haus (und mit Alice Weidel im Bundestag) bevorstehen. Pausen braucht jeder, aber sie dürfen nicht zur dauerhaften Lähmung der liberalen Mitte führen, die die Provokateure genau so beabsichtigen.

Man kann einwenden, dass das furchtbar naiv klingt. Auch angesichts der ungeheuerlichen Wucht der Anfeindungen und Drohungen, die viele im Netz und auf der Straße erleiden. Aber was bleibt denn sonst übrig? Es kann nicht darum gehen, den Kopf in den Sand zu stecken oder alles hinzunehmen. Die besten Filter aber sind wir Menschen selbst, der Anstand, den wir leben. Wenn Dummheit und Niedertracht drohen Land zu gewinnen, dann ist das erste und vielleicht auch das letzte Mittel, das man gemeinsam dagegen hat: anders sein.

Dieser Beitrag ist es nicht nur Wert verlinkt, sondern ausführlich zitiert und gelesen zu werden.

Vgl. auch